Was in 24 EU-Staaten seit Jahren selbstverständlich ist, soll nach dem Willen der EU-Kommission auch für Deutschland gelten: Brüssel will das Abitur als Voraussetzung für Pflegeberufe.
Außerdem sollen Facharztausbildungen künftig in den Mitgliedstaaten der EU anerkannt werden, wenn Ärzte eine weitere Facharztausbildung absolvieren wollen. Teilgebiete der Weiterbildung, die bereits erlernt wurden, sollen dann kein zweites Mal erlernt werden müssen.
Das Abitur für Krankenschwestern, Pfleger oder Hebammen sieht ein Novelle für die Richtlinie zur Anerkennung von Berufsqualifikationen vor, die EU-Wirtschaftskommissar Michael Barnier heute in Brüssel vorlegte..
Nach Angaben der Kommission zeichnet sich in den meisten EU-Mitgliedsstaaten eine wachsende Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften ab. Grund dafür sei der Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter.
Auf diesen sich abzeichnenden Mangel will die Kommission mit "mobilen und gut ausgebildeten" Fachkräften reagieren. Dafür müsste aber sichergestellt werden, dass die Qualifikationen EU-weit einfach anerkannt werden, hieß es.
Konservative deutsche Politiker kritisieren die EU-Vorschläge. Der CSU-Gesundheitsexperte Johannes Singhammerwarnte vor einer Verschärfung beim Fachkräftemangel in der Pflege. "Eine Akademisierung der Pflege halten wir für unnötig", betonte Singhammer nach Gesprächen mit EU-Gesundheitskommissar John Dalli gegenüber der Nachrichtenagentur dpa.
.Niedersachsens Gesundheitsministerin Aygül Özkan (CDU) forderte, Realschülern den Zugang zur Pflege nicht zu versperren. "Wir wollen junge Menschen gewinnen, die Herzblut für einen helfenden Beruf zeigen", sagte sie.
Die Richtlinie kann erst geändert geändert werden, wenn der EU-Ministerrat und das Europaparlament zustimmen.
jos
chronischLEBEN-Kommentar: Zurück zu Florence Nightingale?
Wir haben in Deutschland hochqualifizierte Krankenschwestern, Pfleger und Hebammen. Das bedeutet aber nicht, dass höhere Anforderungen wie eine jetzt vorgeschlagene einheitliche zwölfjährige Schulbildung unsinnig wären. Die Anforderungen an alle Pflegeberufe steigen ständig an. Deshalb können bessere schulische Voraussetzungen für die Ausbildung nur begrüßt werden.
Was konservative Politiker wie der CSU-Gesundheitsexperte Singhammer oder die niedersächsische CDU-Gesundheits- und Sozialministerin Özkan kritisch anmerken, ist reine populistische Stimmungsmache. Von der Singhammerschen "Akademisierung" der Pflegeberufe kann überhaupt keine Rede sein. Das Abitur ist ein Schulabschluss, nicht mehr. Eine Akademisierung wäre ein weiterer, durchaus im Sinne der Patienten begrüßenswerter Schritt, der aber gar nicht zur Debatte steht.
Und das "Herzblut für den helfenden Beruf", von dem Aygül Özkan schwärmt, ist allenfalls nostalgische Florence Nightingale-Schwärmerei (wobei man sagen muss, dass die als "Dame mit der Lampe" bekanntgewordene höhere Tochter (Bild rechts) im 19. Jahrhundert durchaus ihre Verdienste bei der Schaffung des Pflegeberufs hatte.
Das idealisierende Herzblut garantiert Qualität in der Pflege ebenso wenig wie das Stammtisch-"Argument" der falsch verstandenen Akademisierung. Eine in Europa einheitliche gute schulische Bildung als Voraussetzung für die qualifizierte Ausbildung kommt uns Patienten zugute.
Natürlich frage ich mich, warum wir in Deutschland nicht dem in 24 EU bwährten Modell folgen sollten. Die einzige Antwort, die sich aufdrängt, ist die Angst mancher Politiker vor optimal ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Pflegeberufen, die natürlich dann ein stärkeres Argument für gute Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung hätten.
Geringere Qualifikation ist zwar billiger. Aber die "Geiz ist geil"-Mentalität hilt möglicherweise kurzfristig dem Kostenapparat - uns Patienten bestimmt nicht.
Norbert Jos Maas |
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